Der Panthermord
Archivale des Monats Februar
Staatsarchiv St.Gallen

Am 12. Oktober 1933 entwich aus dem Zoo Zürich ein Pan ther weibchen mit dem Namen Suma. Wenige Tage später konnte man lesen, dass eine Belohnung von 2.000 Schweizer Franken für das Finden ausgeschrieben worden war. Auch wenn die nahen Waldstücke systematisch durchstreift wurden, zeigte sich keine Spur der Raubkatze. Als die Öffentlichkeit ins Bild gesetzt wurde, war der Aufschrei so gross, dass Beruhigungsversuche und wissenschaftliche Bekenntnisse kaum fruchteten. Leserbriefe mit Ratschlägen und angeblichen Sichtungen füllten die Zeitungen, Schulen in Zürich wurden vorübergehend geschlossen und Spaziergänger mieden den bewaldeten Zürichberg.

Als Richard Müller im Dezember in Walde (Gemeinde Eschenbach, Kanton St.Gallen) Werkzeug unter einer Scheune hervorholen wollte, hörte er ein Knurren. Müller holte sein Gewehr und schoss dem, wahrscheinlich geschwächten, Tier in den Rumpf. Mit letzter Kraft kroch dieses aus seinem Versteck, worauf es Müller mit einem Schlag seiner Spitzhacke tötete. Nun glaubte der Tagelöhner sich der Wilderei schuldig gemacht zu haben. Da er weder Zeitung las noch Radio hörte, war ihm zudem Sumas Geschichte nicht bekannt. Neugierig erkundigte er sich beim lokalen Wildhüter nach der Tierart, welcher ihm nicht weiterhelfen konnte. Beide beschlossen das unbekannte Tier zu schlachten und zu verspeisen. Da auch Nachbarn in den Genuss des exotischen „Festschmauses“ kamen, verbreitete sich in der Umgebung rasch die Geschichte über ein „Panther-Bankett“. Dies kam auch dem Bezirksamt zu Ohren. Es schickte im Januar 1934 einen Polizisten zu Fuss in die dreieinhalb Stunden abgelegene Gegend, wo er das übriggebliebene schwarze Fell ausfindig machen konnte. Müller gestand und erhielt vom Zoo trotz allem 200 Schweizer Franken als Belohnung, weil er gemäss Zoovorstand ein nicht genau bestimmbares Gefahrenmoment beseitigt hatte.

Dass nicht der Panther einen Menschen, sondern ein Mensch den Panther fressen würde, hätte wohl vor Aufdeckung des Falles niemand für möglich gehalten.

Olivier Horvath, Staatsarchiv St.Gallen


Archivale: Staatsarchiv St.Gallen: Kantonspolizei A 600/3.3.013.

Bildnachweis: Staatsarchiv St.Gallen: Kantonspolizei A 600/3.3.013.