Wer bekommt die Felle? Bräuche der Bärenjagd im Riviera-Tal
Archivale des Monats August
Staatsarchiv des Kantons Tessin

Seit den ersten Tagen des Bestehens des Kantons Tessin, der am 20. Mai 1803 konstituiert wurde, befasste sich der Grosse Rat mit der Regelung der Jagd. Das erste Gesetz wurde von der Legislative am 7. Juni verabschiedet und bestimmte die Jagdzeiten, legte die Grundlagen für die Erteilung von Jagdscheinen fest und bestimmte die Höhe der Bußgelder für Zuwiderhandlungen. Das Jagdgesetz wurde im Mai 1804 zum ersten Mal angepasst und am 4. Juni 1807 vollständig überarbeitet. In jedem dieser Texte genießt die Jagd auf gefährliche Tiere wie Wölfe und Bären einen Sonderstatus, der sie von verschiedenen Beschränkungen befreit, da sie zum Schutz der Bevölkerung beiträgt.

Am 13. Januar 1807 berichtet Felice Bernardo Pedrotta aus Lodrino dem Kleinen Rat, der kantonalen Exekutive, dass er und einige Gefährten im vergangenen Herbst zwei Bären auf dem Gebiet von Lodrino geschossen haben und protestiert dagegen, dass die Gemeinde und das Gericht erster Instanz des Bezirks Riviera die Herausgabe der Felle der beiden Bären forderten. Pedrotta erklärt, dass diese Forderung auf alten Bräuchen beruht und bittet die Regierung, die Gemeinde und das Gericht darauf hinzuweisen, dass die Rechte, die einst zu ihren Gunsten be-standen, durch die neue Ordnung der Dinge abgeschafft wurden, und fordert sie auf, die Felle ihm und seinen Gefährten zu überlassen, die ihr Leben riskiert haben, um sie zu erhalten.

Nachdem der Kleine Rat von der Beschwerde erfahren hat, fordert er am 14. Januar die Gemeinde Lodrino und das Gericht von Riviera auf, ihre Forderungen zu begründen. Am 23. Januar schickt das Gericht seine Argumente, die sich auf eine Verfügung des Bezirksrats von Riviera vom 10. September 1804 stützen, die besagt, dass die Felle der getöteten Bären dem Gericht gehören. Am 27. Januar erklärt der Kleine Rat, dass er diese Begründungen nicht akzeptieren kann, da die Existenz von Bezirksräten von der Verfassung und den geltenden Gesetzen nicht anerkannt wird, und ordnet die Rückgabe der Felle an Pedrotta und seine Gefährten an.

Stefano Anelli, Staatsarchiv des Kantons Tessin


Archivale: Archivio di Stato del Cantone Ticino: Piccolo Consiglio 9.3.14.