Das ambitionierte Projekt der Schlernbahn
Archivale des Monats Juli 2026
Staatsarchiv Bozen

Unter den Dokumenten, die 1910 von der Firma Adolf Bleichert & Co. aus Leipzig an die Bezirkshauptmannschaft Bozen geschickt wurden, befindet sich die technische Erläuterung zum Projekt der Schlernbahn, einem Projekt, das aus dem Bestreben entstand, Bozen zu einem zweiten Luzern zu machen. Dieses Ziel wurde vom Journalisten Karl F. Wolff unter dem Slogan zusammengefasst: „Es gilt die Bezwingung des Schlern!”. Die Idee war, das bereits bestehende Bahnnetzwerk, zu dem die Mendel-, die Guntschna-, die Virgl-, die Rittner und die Kohlererbahn gehörten, um eine sechste Anlage in Richtung Schlern zu erweitern.

Das Projekt wurde zwar von den Fachzeitschriften der damaligen Zeit mit Interesse aufgenommen, vom k. k. Eisenbahnministerium aber mit Skepsis beurteilt. Es war nämlich der Bau von zwei Strecken vorgesehen: Die erste sollte Atzwang mit St. Konstantin bei Völs verbinden. Diese Teilstrecke war besonders anspruchsvoll, da sie die Installation von Seilen und die Errichtung einer Schutzbrücke erforderte, damit die Anlage sowohl die Südbahn als auch den Eisack überspannen konnte. Mit der zweiten Teilstrecke sollte die Seilschwebebahn dann direkt den Gipfel des Berges erreichen.

1909 veröffentlichte die Bezirkshauptmannschaft Bozen eine Ausschreibung, an der drei führende Firmen aus dem Bereich Seilbahnbau teilnahmen: die Maschinen- und Waggonbau-Fabrik AG aus Wien-Simmering, die Adolf Bleichert & Co. aus Leipzig und die Wiener AEG-Union Elektrizitätsgesellschaft mit ihrem Installationsbüro in Innsbruck. Jeder Wettbewerber legte neben dem technischen Bericht auch maßstabsgetreue Entwürfe wie Situationspläne mit der Streckenführung, Grundrisse von Tal- und Bergstation sowie der Personenwagen vor.

Tatsächlich realisiert wurde die Anlage nie. Die ungünstigen wirtschaftlichen Umstände, die im Ausbruch des Ersten Weltkriegs gipfelten, führten zum endgültigen Aus für das Projekt. Stattdessen wurde eine Materialbahn für den Gütertransport gebaut, die bis 1934 in Betrieb blieb.

Diana Dellantonio, Staatsarchiv Bozen


Literatur: Elisabeth Baumgartner, Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol. Verkehrsgeschichte zwischen Kufstein und Ala im Spannungsfeld von Tourismus, Politik und Kultur, Innsbruck 1990; Die Schlernbahn im Bau, in: Bozner Nachrichten, Nr. 151 (1919), S. 2; Hans Kiene, Altes und Neues vom Schlern, in: Der Schlern 4 (1923), S. 159–164; Eisenbahn-Baunachrichten, in: Der Bauinteressent. Beilage zur „Wiener Bauindustrie-Zeitung“ 29 (1911), Nr. 6, S. 59; Rainer Seberich, Streiflichter zur jüngeren Gemeindegeschichte von Völs, in: Josef Nössing (Hg.), Völs am Schlern 888–1988. Ein Gemeindebuch, Völs am Schlern 1988, S. 539–566; Die Schlernbahn, Bolzano–Innsbruck 1909.

Archivale: Die von der Firma Adolf Bleichert & Co. verfasste technische Erläuterung des Projektes, Leipzig-Gohlis 29. Januar 1910. Signatur: Staatsarchiv Bozen, Behörden der staatlichen Verwaltung Bozen, B. 728.