Der erste Hahnenkammsieger als Kriegsverbrecher
Archivale des Monats März 2024
Tiroler Landesarchiv

Das Hahnenkammrennen in Kitzbühel mit der Abfahrt auf der „Streif“ hat mittlerweile als eine der bekanntesten Strecken des alpinen Skisports Kultstatus erreicht. Seit der Einführung des Alpinen Skiweltcups im Jahr 1967 ist das Hahnenkammrennen dessen fixer Bestandteil und folgt im Januar traditionell auf das Wengener Lauberhornrennen. Heute beeinflusst das Rennen im Großraum Kitzbühel einen ganzen Wirtschaftszweig; der geschätzte Umsatz eines solchen Wochenendes beträgt rund 47 Mio. Euro.

Die erste Austragung des Hahnenkammrennens im März 1931 ließ demgegenüber die künftige Weltbekanntheit noch nicht erahnen. In der kaum vorhandenen medialen Berichterstattung widerspiegeln sich diese bescheidenen Anfänge: An eher unbedeutender Stelle widmete einzig der Tiroler Anzeiger dem Rennen eine Randnotiz. Die Regionalzeitung sprach dabei von einem „Werbelauf“ des Wintersportvereins Kitzbühel: Bei herrlichem Firnschnee und prächtigem Wetter sausten die Läufer zu Tal und sind die gefahrenen Zeiten als hervorragend zu bezeichnen. Der Abfahrtslauf hatte 26 Skiläufer zur Teilnahme bewogen, die Podestplätze gingen dabei allesamt an Fahrer aus Kitzbühel. Die ebenfalls durchgeführten Slalom- und Kombinationsläufe brachten weniger Teilnehmer auf die Piste, wobei die Witterungsbedingungen nicht optimal waren. Allgemein dürfte das Rennen für die Organisatoren ein voller Erfolg gewesen sein, denn nur ein Jahr später erhielt man die Genehmigung für die Internationalisierung des Rennens, sodass man im Jahre 1932 offiziell unter dem Namen „Hahnenkammrennen“ firmierte. Erster Sieger der Hahnenkammabfahrt 1931 war der Kitzbüheler Ferdinand (Ferdl) Friedensbacher. Mit 9 von 26 Läufern schaffte es damals nur ein Bruchteil der Läufer ins Ziel; die Zeit von 4:34,12 Minuten reichte Friedensbacher zum Sieg.

Der Name Friedensbacher ist in Österreich unzweifelhaft als prominenter Name des Skisports ins kollektive Gedächtnis eingegangen; er poppt seither immer wieder an runden Jubiläen auf. Weniger bekannt dagegen ist Friedensbachers Rolle im Zweiten Weltkrieg und dessen Involvierung in Kriegsverbrechen. Der 1911 geborene Friedensbacher hatte seine sportliche Karriere in der Ersten Republik begonnen und war beruflich ab 1931 beim österreichischen Bundesheer und später als Gendarm tätig. Bekannt durch seine sportlichen Erfolge, wurde er in der NS-Zeit im August 1939 zur Gestapo-Stelle in Innsbruck versetzt und konnte bald darauf in der Geheimen Feldpolizei die Karriereleiter nach oben steigen.

Friedensbacher wurde schließlich auf der Insel Kreta stationiert und zum Leiter der dortigen Feldpolizei-Außenstelle in Agios Nikolaos ernannt. Seine Einheit beging in der Umgebung Kriegsverbrechen, unter anderem dokumentierten Zeitzeugen die Plünderung eines Klosters und die Ermordung der dort ansässigen Mönche. Friedensbacher selbst hatte im Mai 1944 einen griechischen Widerstandskämpfer exekutiert. Im Jahr 1970 musste sich Friedensbacher schließlich vor einem Geschworenengericht in Innsbruck der Mordanklage stellen. Neben Mord sprechen Zeugen auch von Folterungen: Er folterte mich in verschiedener Weise und befahl, daß man mich mehrere Tage dursten ließ. Das Urteil, den Tatbestand als Totschlag statt als Mord zu werten, führte zur Verjährung und damit zum Freispruch Friedensbachers.

Das Urteil rief einiges an medialem Gegenwind hervor.

Ivan Stecher, Tiroler Landesarchiv

Archivale: Tiroler Landesarchiv: Landesgericht Innsbruck, Vr 415/70

Quellen: Allgemeiner Tiroler Anzeiger, 31.3.1931, S. 10. I Salzburger Volksblatt, 18.3.1932, S. 22.

Literatur: Andreas Praher, Österreichs Skisport im Nationalsozialismus. Anpassung – Verfolgung – Kollaboration, Berlin/Boston 2022, S. 362–366.

Bildnachweis: Stadtarchiv Kitzbühel, HKR 1932 I MuK/1188