Eine Legende mit Schönheitsfehlern
Archivale des Monats Dezember
Vorarlberger Landesarchiv

Die Bärenjagd galt lange Zeit als „Hohe Jagd“ und war ein erlesenes Vergnügen. Doch wie es oft im Leben so ist, wurde auch diese Jagd zur Sache des „gemeinen Mannes“ (einfache Bevölkerung). Der Landesherr konnte den Schutz von Leben und Besitz seiner Untertanen schließlich nur gutheißen. Ab dem 16. Jahrhundert erhielt ein erfolgreicher Schütze ein Schussgeld, sofern dieser das erlegte Raubtier als Beweis ablieferte. Infolgedessen entwickelte sich die Raubtierjagd zu einem lukrativen, wenn auch sehr gefährlichen Unterfangen.

Die letzte erfolgreiche Bärenjagd in Vorarlberg war die berüchtigte „Bärenjagd im Gamperdonatal“ im Jahre 1783. Eine Votivtafel in der Wallfahrtskirche Kühbruck in Nenzing zeugt von dem Ereignis und veranschaulicht das Jagdgeschehen. Sie zeigt die Jagdszenerie, nennt die teilgenommenen Jäger sowie ihre Herkunft und setzt den 27. August 1783 als jenen Tag fest, an dem der Bär geschossen wurde. Die mündlichen Überlieferungen der Gewährsmänner vervollständigen die Legende. Sie schildern eine dramatische Jagd und den triumphalen Zug nach Nenzing, bei dem der geschossene 168 kg schwere Bär schlussendlich im Gasthaus Rössle in Nenzing zur Schau gestellt wurde.

Doch die Legende beginnt zu bröckeln. Werfen wir einen Blick in die Amtsraitung Bludenz und Sonnenberg. Im Jahr 1783 lässt sich keine Spur vom verfolgten Raubtier finden. Wurde uns etwa ein Bär aufgebunden? Unser gesuchter Bär wurde laut Amtsraitung vermutlich schon 1782 erlegt. Das besagte Schussgeld von fünf Gulden wurde an Hans Georg Gamon ausbezahlt. Dieser Name stimmt mit dem auf der Votivtafel angeführten Jäger Johann Georg Gamon überein. Folgen wir den Ausführungen von Elmar Schallert, liegt des Rätsels Lösung möglicherweise in einer fehlerhaften konservatorischen Maßnahme, ausgeführt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Legende erzählt uns folglich vieles, wohl nur nicht das richtige Datum.

Diana Fabian, Vorarlberger Landesarchiv


Archivale: Vorarlberger Landesarchiv: Vogteiamt Bludenz HS 476 (1782).

Weitere Quellen: Jahrbuch des Vorarlberger Museumsvereins, Bregenz 1941, S. 67 sowie S. 71–73.

Bildnachweis: Historisches Archiv Gemeinde Nenzing: Fotograf unbekannt.

Literatur: Elmar Schallert: Jagdgeschichte von Nenzing. In: Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft 29, Feldkirch 1992, S. 168–171 sowie S. 225–231.