Landesstreifen als veranlasste Vertreibung
Archivale des Monats Juni 2026
Vorarlberger Landesarchiv

Sogenannte Nicht-Sesshafte waren den Vorarlberger Polizeiorganen des späten 18. Jahrhunderts ein Dorn im Auge. Die auf Sozialdisziplinierung ausgerichtete Obrigkeit betrachtete die bettelnden und herumstreichenden Randgruppen, die außerhalb der gesellschaftlichen Normen lebten, als etwas, das es zu bekämpfen galt. Insbesondere in Krisenzeiten zeigte sich, dass es sich bei diesen Personen kaum um Einzelfälle handelte, sondern um ein Massenphänomen. An manchen Stellen ist etwa von 6.000 bis 8.000 Bettlerinnen und Bettler im angrenzenden Schwaben die Rede.

Immer wieder griff das Gubernium in Innsbruck daher zum drastischen Mittel der großangelegten „Landesstreife“. Diese sollte ohne viel Vorlaufzeit über Nacht und im Geheimen durchgeführt werden und das Land durchkämmen, um des liederlichen, dienstlosen, und herumirrenden Gesindels habhaft zu werden. Die Vorgänge dieser Fahndung wurden in sogenannten Streifprotokollen niedergelegt.

Die aufgegriffenen, verdächtigen Personen wurden bei den vorher instruierten Tavernenwirten zusammengetrieben, um dann in einem Verhör über ihr Schicksal zu entscheiden: Woher seit ihr und wie heißt ihr? Warum seit ihr hieher kommen? Eine der aufgegriffenen Personen war etwa Katharina Kluserin aus Oberriet (Schweiz), die erschreckend ehrlich antwortete: Weil ich nichts habe, das ich mich mit meinem Kind erhalten kann, so wollte ich hier betlen. Solche Antworten endeten für gewöhnlich mit einer Abschiebung über den Rhein oder die Männer erwartete der Militärdienst.

Auch wenn alle Gemeinden an der Verfolgung von Bettlern oder Vaganten mitwirken sollten, dürften manche mehr als einmal wohlwollend weggesehen haben. Die Gemeindevorstehung von Göfis, obwohl sie sehr nachläßig in deme sie obige Vagabunda Gesindel so lang leiden, hatte solange nicht reagiert, dass ein gewisser Stabler sogar ein Haus erwerben konnte. Ob er letztlich auch abgeschoben wurde, wird jedoch nicht erwähnt.

Tobias Riedmann, Vorarlberger Landesarchiv


Literatur: Gerhard Fritz, Bettler und Vaganten in Südwestdeutschland im späten 18. Jahrhundert nach Johann Ulrich Schölls „Abriß des Jauner und Bettelwesens in Schwaben“, in: Gerhard Ammerer/Gerhard Fritz (Hg.), Die Gesellschaft der Nichtsesshaften. Zur Lebenswelt vagierender Schichten vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, Affalterbach 2013, S. 53‒74; Wolfgang Scheffknecht, Armut und Not als soziales Problem. Aspekte der Geschichte vagierender Randgruppen im Bereich Vorarlbergs vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, in: Innsbrucker Historische Studien 12/13 (1989/90), S. 69‒96.

Archivale: Streifprotokoll des Gerichtes Rankweil-Sulz, 22. Juli 1799. Signatur: Vorarlberger Landesarchiv, Gericht Rankweil-Sulz, Materienregistratur A, Polit.I.40.