Graubünden tat sich mit der Einführung des Automobils und weiterer Motorfahrzeuge deutlich schwerer als die meisten anderen Kantone der Schweiz. Seit Mitte der 1890er Jahre kursierten zwar vereinzelte Autos auf den Bündner Strassen, bereits im Sommer 1900 wurde das Autofahren jedoch per sofort und vollständig verboten. Es folgten intensive Auseinandersetzungen und ausufernde Debatten zwischen Befürwortern und Gegnern des Automobils sowie zehn Volksabstimmungen, bis das Verbot 1925 schliesslich aufgehoben werden konnte.
In breiten Kreisen der Bündner Bevölkerung wurde das Automobilverbot in den Jahren vor dessen Aufhebung als schwerwiegende wirtschaftliche Einschränkung empfunden. Dies galt besonders für Talschaften, die stark vom Tourismus abhängig waren und für Gebiete, die nicht ans Schienennetz der Rhätischen Bahn angeschlossen waren. So schrieb z.B. die Gemeinde Schleins (heute Tschlin) im Jahr 1922 an das kantonale Bau- und Forstdepartement, dass der Holzverkauf nach Italien und der Transit über den Arlberg durch die fehlenden Transportmöglichkeiten mittels Lastwagen stark erschwert sei.
Mit der Aufhebung des Automobilverbots 1925 wurde die Grundlage geschaffen, dass die Gemeinden selbst über die zusätzliche Zulassung von Lastautomobilen auf ihrem Gemeindegebiet bestimmen konnten. Von diesem Recht machten u.a. die Unterengadiner Gemeinden Schleins, Sent, Remüs, Schuls (heute Tschlin, Sent, Ramosch, Scuol) 1928 Gebrauch und stimmten mit 164 Ja gegen 92 Nein für die Zulassung des Lastautomobils ab der Gemeinde Schleins bis zur Station Schuls der Rhätischen Bahn.
Fotografien aus den nachfolgenden Jahren zeigen, dass die neu zugelassenen Lastwagen nicht nur für den Holztransport zum Einsatz kamen. Sie erwiesen sich beispielsweise auch bei der Schneeräumung als äusserst nützlich.
Flurina Camenisch, Staatsarchiv Graubünden
Weitere Quellen: Bibliothek StAGR GAB 1900 / 34, Amtsblatt des Kantons Graubünden: Ausgabe Nr. 34 vom 24.08.1900, S. 393; Bibliothek StAGR GB 6, Botschaften des Kleinen Rates an den hochlöblichen Grossen Rat von 1899, S. 130–136.
Literatur: Simon Bundi et al., Das Jahrhundert des Automobils. Graubünden 1925–2025, Zürich 2025; Stefan Hollinger, Graubünden und das Auto. Kontroversen um den Automobilverkehr 1900–1925, (Quellen und Forschungen zur Bündner Geschichte 19) Chur 2008.